„Wie war dein Tag, Liebling?“
Nicht nur ein unterhaltsamer Podcast bei SWR3, sondern auch eine ziemlich oft gestellte Frage im Alltag.
Und was ist deine Antwort? Vielleicht ein „Ging so.“ oder ein „Lassen wir das Thema.“
Und dann geht es los mit der Berichterstattung: Aufgaben, Kolleg:innen, Chef, Kunden, Beschwerde, Ablauf, der mal wieder nicht funktioniert hat. Da fallen dir sicherlich noch mehr Situationen ein, oder?
Unser Fokus liegt erstaunlich oft genau auf dem, was nicht gut war. Das bleibt bei uns. Hängt an uns. Beschäftigt uns. Raubt uns Nerven. Lässt uns nicht schlafen. Wie Liebeskummer. Dabei bestand der Tag ziemlich sicher nicht nur daraus. Vielleicht hat mir jemand etwas Nettes gesagt. Ich konnte mit jemandem lachen. Ich hatte eine richtig gute Idee. Der Kaffee war heute besonders gut. Im Radio lief ein Lied, bei dem ich sofort mitsingen musste.
Alles keine weltbewegenden Ereignisse. Und trotzdem waren sie da.
Unser Gehirn ist leider kein guter Buchhalter
Wenn ich am Abend Bilanz über meinen Tag ziehe, bekommen nicht automatisch alle Erlebnisse das gleiche Gewicht. Das Schwierige drängelt sich gerne nach vorne. Der blöde Kommentar der Kollegin ist noch da. Die fünf netten Gespräche davor sind schon fast vergessen. Die eine Sache, die nicht funktioniert hat, beschäftigt mich. Die zehn Dinge, die ich erledigt habe, erscheinen mir selbstverständlich.
Das hat sogar einen Namen: Negativity Bias oder Negativitätsbias.
Wir Menschen reagieren stärker auf negative als auf positive Informationen und behalten sie häufig auch besser im Gedächtnis. Das war für uns Menschen durchaus einmal sinnvoll. Eine Gefahr zu übersehen, konnte schließlich ziemlich unangenehme Folgen haben. Heute lauert hinter der Bürotür meistens kein Säbelzahntiger mehr. Unser Gehirn macht seinen Job trotzdem weiter. Vielleicht lohnt es sich deshalb, ihm ab und zu ein wenig zu helfen.
Was war denn noch?
Ich mag an der Positiven Psychologie, dass sie nicht sagt: Denk einfach positiv. Das wäre mir auch viel zu einfach. Wenn mein Tag wirklich mies war, muss ich mir am Abend nicht einreden, dass er wunderbar war. Probleme verschwinden nicht, weil ich sie ignoriere. Und aus einer schwierigen Führungskraft wird auch keine gute, nur weil der Kaffee geschmeckt hat.
„Es geht darum, nicht nur einzelne Erlebnisse zu betrachten sondern das ganze Bild zu vervollständigen.“
Was war heute noch?
Gab es einen Moment, in dem ich mich gefreut habe?
War ich mit etwas so beschäftigt, dass ich gar nicht auf die Uhr geschaut habe?
Hatte ich ein gutes Gespräch?
Habe ich etwas gemacht, das mir wichtig ist?
Ist mir etwas gelungen?
Fünf Buchstaben, die den Blick erweitern
Das PERMA Modell ist ein Modell aus der Positiven Psychologie und geht auf Martin Seligman zurück.
Die fünf Buchstaben stehen für fünf Bereiche, die zu unserem Wohlbefinden beitragen.
P steht für Positive Emotion.
Was hat mir heute gutgetan? Worüber habe ich mich gefreut?
E steht für Engagement.
Wobei war ich wirklich bei der Sache? Wo konnte ich etwas einbringen, das ich gut kann?
R steht für Relationships.
Mit wem hatte ich heute einen guten Moment? Wo habe ich mich verbunden oder unterstützt gefühlt?
M steht für Meaning.
Was von dem, was ich heute gemacht habe, war mir wirklich wichtig?
A steht für Accomplishment.
Was ist mir gelungen? Was habe ich geschafft, auch wenn es vielleicht nur eine Kleinigkeit war?
„Ich mag PERMA, weil ich damit nicht bewerten muss, ob mein Leben gerade gut oder schlecht läuft. Ich kann einfach genauer hinschauen.“
Probier es heute Abend aus
Wenn jemand fragt: „Wie war dein Tag?“ Dann erzähl ruhig von dem Kunden, der genervt hat. Von der Technik, die nicht funktioniert hat. Von dem Termin, den du am liebsten aus deinem Kalender gestrichen hättest.
Und danach stell dir noch eine Frage: Was war da noch?
Nicht lange überlegen. Nicht krampfhaft nach etwas Positivem suchen. Einfach noch einmal hinschauen. Vielleicht fällt dir etwas ein. Vielleicht sogar mehr als eine Sache. Und vielleicht war dein Tag dann immer noch anstrengend. Aber eben nicht nur.
Also, Liebling, und was war da noch?